Nach der langen ersten Etappe schlafen wir hervorragend in der Albignahütte. Am nächsten Morgen beschäftigt uns beim Frühstück die Frage, welche Variante wir heute nehmen sollen. Eigentlich ist die Sache auf den ersten Blick klar: Die klassische Route führt von der Albignahütte hinunter zur Staumauer und anschliessend über den Pass Cacciabella Sud zur Capanna di Sciora. Doch inzwischen gibt es eine interessante Alternative. Der 2022 vom Hüttenwart neu angelegte Seeuferweg Gran Giro del Lago führt rund um den Albignasee und verspricht ein besonders abwechslungsreiches Landschaftserlebnis.

[Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit Bregaglia Maloja Turismo und Graubünden Ferien]
 
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Wir lassen uns deshalb von der Hüttenwartin beraten. Sie kennt beide Varianten bestens und empfiehlt uns ganz klar den längeren Weg (Gran Giro del Lago=. Sie erzählt uns, dass sie die Tour selbst schon mit ihren Kindern bis zur Albignahütte gemacht hat und den Gran Giro del Lago landschaftlich für die lohnendere Variante hält. Das klingt vielversprechend, gleichzeitig sind wir uns noch nicht ganz sicher, wie lange dieser Tag tatsächlich dauern wird. Nach unseren Erfahrungen vom Vortag sind wir vorsichtig geworden, wenn es um Zeitangaben geht. Die Hüttenwartin meint jedoch, dass man die Strecke in ungefähr fünfeinhalb Stunden schaffen sollte. Mit ihren Kindern habe sie rund sechseinhalb Stunden gebraucht. Somit braucht man ca. 1 Stunde länger als die Originalroute, die über die Staumauer führt. 

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Fünfeinhalb Stunden klingt für uns natürlich machbar. Nach dem langen Vortag hoffen wir natürlich, dass wir heute etwas schneller unterwegs sein werden und nicht wieder erst am frühen Abend an unserem Ziel ankommen. Gleichzeitig wissen wir inzwischen, dass Angaben auf dem Papier und das tatsächliche Wandern im hochalpinen Gelände zwei ziemlich unterschiedliche Dinge sein können. Wir entscheiden uns trotzdem für die Variante, die uns landschaftlich mehr verspricht, und folgen damit dem Rat der Hüttenwartin. So holen wir uns unser Lunchpaket ab und verlassen gegen 8 Uhr die Hütte. 

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Der Gran Giro del Lago beginnt harmlos

Der Weg führt von der Albignahütte auf der Ostseite des Stausees entlang und führt anfänglich steil bergab, bis er einen kleinen Bach überquert. Der sogenannte Felsenweg verläuft durch die felsige Landschaft oberhalb des Sees, immer wieder eröffnen sich neue Blicke auf das türkisfarbene Wasser und die gewaltigen Bergflanken rundherum. Noch können wir uns kaum vorstellen, dass dieser Weg später deutlich anspruchsvoller werden soll. Der Gran Giro del Lago ist eine alpine Route, bei der ausgesetzte Passagen, Ketten und Eisentritte sowie teilweise weglose Abschnitte zum Wegverlauf gehören.

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Wir geniessen deshalb zunächst einfach die abwechslungsreiche Wegführung und lassen es gemütlich angehen. Nach dem langen Vortag tut es gut, nicht sofort wieder in einen steilen Aufstieg starten zu müssen. Der Albignasee begleitet uns auf unserer rechten Seite, während wir uns langsam weiter in Richtung hinteres Ende des Sees bewegen. Die Umgebung wirkt wild und abgeschieden, gleichzeitig ist der Weg überraschend gut ausgebaut. Immer wieder müssen wir kleinere felsige mit Ketten gesicherte Passagen überwinden, doch alles fühlt sich noch gut machbar an. Wir passieren den Insta Hotspot (du wirst schon sehen, wo der ist!), bis sich die Wegbeschaffenheit abrupt ändert. 

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Vor uns baut sich eine grosse Steilstufe auf und wir erkennen, dass es jetzt tatsächlich wieder bergab geht. Nach dem gestrigen Tag müssen wir uns offenbar erst daran gewöhnen, dass bei diesen hochalpinen Wegen die Richtung nicht immer so eindeutig ist, wie man es sich beim Wandern normalerweise vorstellt. Man steigt auf, verliert wieder Höhe, steigt erneut auf und fragt sich irgendwann, warum man die gerade gewonnenen Höhenmeter eigentlich schon wieder abgibt.

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Diesmal führt der Weg jedoch nicht einfach über einen bequemen Abstieg nach unten. Die Steilstufe ist zwar gesichert, verlangt aber trotzdem unsere volle Aufmerksamkeit. Wir suchen uns vorsichtig unsere Tritte und steigen über das felsige Gelände hinab. Es ist nicht unbedingt technisch schwierig, aber die Kombination aus Steilheit, Ausgesetztheit und der notwendigen Überwindung für den ersten Schritt, löst bei mir schon Herzklopfen aus. Während ich vor der Steilstufe noch etwas zögere, redet mir mein Mann gut zu. Er kennt mich inzwischen gut genug, um zu wissen, wann ich mir eine Passage im Kopf schwieriger mache, als sie tatsächlich ist. Also atme ich einmal tief durch und beginne vorsichtig mit dem Abstieg. Schritt für Schritt arbeite ich mich über die Felsen nach unten und konzentriere mich dabei einfach auf den nächsten sicheren Tritt.

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Und wie so oft ist es am Ende deutlich weniger dramatisch als vorher gedacht. Als ich unten angekommen bin, drehe ich mich noch einmal um und schaue zu der Stelle zurück, die mir von oben ziemlich respekteinflössend erschienen ist. Eigentlich war sie gar nicht so schlimm. Lieber hätte ich dieses Stück jedoch im Aufstieg gemacht!

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Ich muss ein wenig über mich selbst schmunzeln. Schon am ersten Tag habe ich gemerkt, dass auf diesem Weg manchmal der Kopf die grössere Herausforderung ist als die eigentliche Schwierigkeit. Das Gelände sieht von oben häufig beeindruckender aus, als es sich anfühlt, sobald man tatsächlich darin unterwegs ist. Trotzdem gehört für mich genau das zu solchen Touren dazu: kurz Respekt haben, sich konzentrieren, den nächsten Schritt machen und danach feststellen, dass man die Passage problemlos geschafft hat.

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Wir folgen also dem Weg weiter entlang des Gletscherbachs und halten Ausschau nach der angekündigten Brücke. Dabei bekommen wir sogar noch tierische Gesellschaft. Etwas oberhalb von uns entdecken wir eine Steingeiss, die uns offenbar genauso neugierig beobachtet wie wir sie. Sie bleibt nicht einfach irgendwo am Hang stehen, sondern begleitet uns ein Stück und scheint immer wieder darauf zu achten, was diese beiden Wanderer da unten eigentlich machen.

Irgendwann bleibt sie auf einem Felsblock stehen und bietet uns damit genau den Fotomoment, den man sich bei einer solchen Begegnung wünschen kann. Perfekt positioniert steht sie auf dem Stein und schaut zu uns herunter, als hätte sie nur darauf gewartet, für uns zu posieren. Wir bleiben natürlich stehen und beobachten sie eine Weile. Solche Begegnungen lassen sich nicht planen und machen für mich einen grossen Teil des Reizes einer Tour aus. Gerade hier in dieser wilden Landschaft wirkt die Steingeiss vollkommen selbstverständlich, während wir uns langsam durch das hochalpine Gelände bewegen.

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Am Ende des Albignasees

Nach dem Abstieg von der grossen Steilstufe wird der Weg wieder etwas einfacher und wir können unseren Rhythmus langsam finden. Vor uns liegt nun das hintere Ende des Albignasees und der eigentliche Talschluss. Schon bei der Beratung am Morgen hat uns die Hüttenwartin einen wichtigen Hinweis mit auf den Weg gegeben. Wir sollen unbedingt bis zur vorgesehenen Brücke gehen und nicht versuchen, den Fluss vorher zu überqueren, um die Strecke abzukürzen. Ihre Warnung ist ziemlich eindringlich, denn erst in der vergangenen Woche hat sich hier jemand beim Versuch, den Fluss zu queren, üble Verletzungen zugezogen. Für uns ist damit schnell klar, dass wir keine Abkürzung brauchen und lieber den ausgeschilderten Weg nehmen. 

Nachdem wir die Brücke hinter uns gelassen haben, verändert sich der Untergrund erneut. Wir laufen nun über sandiges Gelände weiter. Normalerweise würde sich hier der Albignastausee entlangziehen, doch davon ist heute kaum etwas zu sehen. Der trockene Sommer macht sich auch hier deutlich bemerkbar. Wo eigentlich das Wasser des Stausees bis weit in dieses Tal hineinreichen würde, liegt jetzt eine breite Fläche aus Sand und feinem Geröll. Während wir am Seeufer entlanglaufen, können wir auf der Online-Karte sehen, dass wir uns gerade inmitten des Sees befinden. 

Es ist ein eigenartiger Anblick. Einerseits wirkt die Landschaft dadurch noch ursprünglicher und wilder, andererseits ist der niedrige Wasserstand nicht zu übersehen. Der Albignasee, den wir weiter vorne noch als grossen, türkisfarbenen Stausee erlebt haben, zieht sich hier weit zurück. Wir gönnen uns eine Pause am See, hängen die Füsse ins eiskalte Wasser und bereiten uns mental auf den bevorstehenden Aufstieg vor. 

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Vom See zurück in die Höhe

Nach der Überquerung des Gletscherbachs und dem Stück durch das trockene, sandige Ufergelände wird der Weg wieder deutlich alpiner. Wir haben inzwischen das hintere Ende des Albignastausees umrundet und müssen nun auf der anderen Seite wieder Höhe gewinnen. Genau hier beginnt der Teil des Gran Giro del Lago, vor dem uns die Hüttenwartin am Morgen eigentlich schon gewarnt hat: Der Weg wird technisch anspruchsvoller und führt teilweise durch felsiges, steiles Gelände. Der SAC beschreibt diesen Abschnitt ebenfalls als zum Teil klettersteigartig und weist darauf hin, dass die Variante über den See technisch anspruchsvoller ist als der direkte Weg zum Pass.

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Zunächst führt der Weg noch über die steinigen Flächen am Ufer. Vor uns liegen die steilen Flanken, über die wir nun zurück in Richtung Staumauer und weiter zum Pass Cacciabella gelangen müssen. Immer wieder helfen uns Ketten, besonders steile und ausgesetzte Passagen zu überwinden. Der Wechsel ist ziemlich eindrücklich. Eben noch laufen wir beinahe auf Höhe des ausgetrockneten Seeufers, nun stehen wir wieder vor einer felsigen Bergflanke und suchen die blau-weissen Markierungen, die uns den Weg nach oben weisen. Immer wieder sind Ketten angebracht, wo das Gelände steiler oder ausgesetzt wird. Wir arbeiten uns langsam nach oben und merken schnell, dass hier wieder deutlich mehr Konzentration gefragt ist.

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Durch Fels und Geröll nach oben

Der Weg führt nun durch eine zunehmend felsige Landschaft. Teilweise gibt es eine gut erkennbare Spur, dann verschwindet sie wieder zwischen den Blöcken und wir orientieren uns an den Markierungen. Vor uns liegt eine wahre Fitness-Strecke. Der Weg geht direkt ohne Umwege nur noch nach oben – begleitet von scheinbar endlosen Ketten. So steigen wir an gefühlt mehreren Hundert Meter langen Ketten den steilen Hang empor, während unser Puls langsam immer höher steigt. Im Kombination mit der Mittagshitze und dem fehlenden Schatten ist das eine schweisstreibende Angelegenheit. Aber auch dieser Abschnitt ist sicherlich im Aufstieg angenehmer als im Abstieg und so sind wir froh über die gewählte Richtung. 

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Bald erreichen wir eine kleine Abzweigung und treffen auf den Weg, der von der Staumauer her verläuft und vermutlich um einiges einfacher gewesen wäre. Allerdings würde ich dir bei stabilen Wetterverhältnissen unbedingt unsere Variante empfehlen, wenn du den abenteuerlicheren Aufstieg machen möchtest. Bei unsicheren Wetterverhältnissen nimm besser den kürzeren Weg, damit du beim Cacciabella-Pass auf jeden Fall trockene Verhältnisse antriffst. 

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Immer wieder drehen wir uns um und schauen zurück. Die Albignahütte ist irgendwann irgendwo in der gewaltigen Landschaft verschwunden, dafür eröffnet sich der Blick immer weiter über den Stausee und die gegenüberliegenden Felswände. Es ist genau diese Kombination aus Nähe zum Wasser, wilder Felslandschaft und den hohen Gipfeln, die den Gran Giro del Lago so besonders macht.

Wir müssen allerdings feststellen, dass die fünfeinhalb Stunden, die uns die Hüttenwartin am Morgen genannt hat, schon jetzt ziemlich ambitioniert wirken. Wir haben noch einiges vor uns und kommen im schwierigen Gelände natürlich nicht annähernd so schnell voran wie auf einem normalen Wanderweg.

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Immer höher zum Pass Cacciabella

Mit zunehmender Höhe wird das Gelände wieder karger. Die letzten grünen Flecken verschwinden und zwischen den Felsen wächst kaum noch etwas. Wir befinden uns inzwischen eindeutig im hochalpinen Gelände und die Landschaft wirkt entsprechend rau und abgeschieden. Immerhin ist das Gelände nicht mehr anspruchsvoll, sondern einfach nur noch steil. Wir müssen uns nicht mehr bei jedem Schritt konzentrieren, sondern einfach nur einen Fuss vor den nächsten setzen. 

Landschaftlich ist der Weg wirklich grossartig, aber wir kommen nur langsam voran. Immer wieder wechseln sich felsige Platten, Geröll und kurze gesicherte Passagen ab. Je höher wir steigen, desto eindrücklicher wird die Aussicht. Der Albignastausee liegt inzwischen weit unter uns und die Perspektive verändert sich mit jedem weiteren Höhenmeter. Die gewaltigen Granitwände rund um das Tal scheinen mit uns mitzuwachsen. Gleichzeitig wird der Weg immer stärker zu einer Route durch eine reine Felslandschaft.

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Die letzten Höhenmeter

Vor uns liegt nun der eigentliche Schlussanstieg zum Pass. Der Weg wird noch einmal deutlich steiler und führt durch Blockgelände nach oben. Wir setzen einen Fuss vor den anderen und gehen langsam und konzentriert weiter. Mit jedem Höhenmeter wird die Luft dünner und die Landschaft stiller. Die Felsblöcke werden grösser, die Vegetation verschwindet beinahe vollständig und die Markierungen führen uns durch eine Landschaft, die kaum noch erkennen lässt, dass hier regelmässig Menschen unterwegs sind.

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Am Pass Cacciabella Sud

Kurz vor dem Pass wird der Anstieg noch einmal richtig steil. Stahlseile und Tritte helfen uns über die schwierigeren Stellen hinweg und wir konzentrieren uns auf die letzten Meter. Der Pass Cacciabella Sud liegt auf 2’896 Metern und bildet heute den höchsten Punkt unserer Etappe. Kurz vorm höchsten Punkt erblicken wir ein wirklich sehr interessantes Verkehrsschild und rätseln noch eine Weile, was uns dieses Schild eigentlich sagen wollte. 

Als wir oben ankommen, ist die Erleichterung gross. Hinter uns liegt eine lange und abwechslungsreiche Runde um den Albignastausee, vor uns wartet nun «nur» noch der Abstieg zur Capanna di Sciora. Nur ist dabei natürlich relativ.

Schon der erste Blick auf die andere Seite zeigt uns, dass auch der Abstieg nicht einfach werden wird. Der Weg verliert zunächst steil an Höhe und führt anschliessend durch eine gesicherte, klettersteigartige Passage. Eine Pause können wir uns hier oben nicht wirklich gönnen – dafür hat es hier einfach zu wenig Platz. 

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Der Abstieg vom Pass Cacciabella Sud

Mit 2896 Metern haben wir den höchsten Punkt unserer heutigen Etappe erreicht und hinter uns liegt bereits eine ziemlich lange Tour. Der Gran Giro del Lago hat uns deutlich mehr Zeit gekostet, als wir am Morgen erwartet haben, und auch der Aufstieg durch das Geröll war anstrengender als gedacht. Jetzt wartet noch der Abstieg zur Capanna di Sciora auf uns, immerhin fast 940 Höhenmeter.

Der erste Blick auf die Abstiegsroute lässt uns allerdings kurz schlucken. Direkt unterhalb des Passes fällt das Gelände steil ab und der Weg sucht sich seinen Verlauf durch die Felsen. Von oben können ein paar Ketten und eine Leiter erkennen. Schnell wird klar, dass hier noch einmal volle Konzentration gefragt sein wird. Der Pass Cacciabella Sud ist mit 2896 Metern nicht nur landschaftlich ein eindrücklicher Übergang, sondern auch technisch sicherlich die anspruchsvollste Stelle des Sentiero Alpino Bregaglia. Der SAC bewertet die gesamte Etappe mit T5 und beschreibt den Abstieg zunächst als klettersteigähnliche Passage mit Leitern, Tritten und Ketten. Im Nachhinein hätten wir wohl besser zumindest Klettersteighandschuhe mitgenommen. Unsere Hände sind aufgrund der Hitze sehr feucht und immer wieder rutschen wir an den Ketten ab. Andere Wanderer nehmen zumindest einen Helm mit (sehr empfehlenswert!) und einige sichern sich mit einem Klettersteigset. Eine Gruppe ist mit einem Bergführer unterwegs, der sie an dieser Stelle nachsichert. 

Wir machen uns langsam auf den Weg nach unten. Die ersten Meter sind tatsächlich ziemlich steil und wir sind froh, dass die schwierigen Stellen gut gesichert sind. Die Ketten und Eisenbügel geben uns Halt, während wir uns über die Felsstufen hinunterarbeiten. Gerade nach dem langen Tag wollen wir nichts überstürzen. Der Weg ist zwar gut gesichert, trotzdem befinden wir uns in exponiertem alpinem Gelände und ein Fehltritt wäre hier definitiv keine Kleinigkeit.

Dabei fällt uns auf, wie frisch die Sicherungen teilweise wirken. Der Abschnitt wurde für die Wiederöffnung des Sentiero Alpino Bregaglia wieder hergerichtet; die Ketten am Cacciabella-Pass wurden für die Sommersaison 2025 erneut montiert. Ohne diese Sicherungen wird von einer Begehung des Abschnitts ausdrücklich abgeraten.

Für uns macht das einen deutlichen Unterschied. Immer wieder können wir uns an den Ketten festhalten oder die Metalltritte benutzen, wenn eine Felsstufe besonders steil ausfällt. Technisch ist die Passage dadurch gut machbar, auch wenn sie natürlich ihren alpinen Charakter behält. Wir steigen langsam ab und merken dabei, dass die Richtung heute schon wieder eine gewisse Ironie hat: Den ganzen Vormittag kämpfen wir uns nach oben, und jetzt geben wir die mühsam gewonnenen Höhenmeter innerhalb kürzester Zeit wieder ab. Die Erbauer dieses gesicherten Wegs haben nur an den wirklich notwendigen Stellen Metallbügel gesetzt. An den anderen Stellen findet sich immer ein natürlicher Tritt oder Griff, die den Abstieg erleichtern. 

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Je weiter wir nach unten kommen, desto eindrücklicher wird der Blick in Richtung Val Bondasca. Hinter uns bleibt der Pass immer weiter zurück und vor uns öffnet sich eine gewaltige Berglandschaft. Die markanten Granitgipfel der Scioragruppe ragen über den Talabschluss und lassen uns immer wieder stehen bleiben. Hier oben wirkt alles noch karg und felsig, während weiter unten bereits erste grüne Flächen zwischen den Geröllfeldern auftauchen.

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Der Weg bleibt zunächst steil und felsig. Wir müssen immer wieder über kleinere Felsstufen steigen und uns an den Sicherungen entlangarbeiten, um den Felsen im Abstieg zu queren. Dabei merken wir, dass der Abstieg für uns mental zwar Respekt einflösst, aber technisch eigentlich gut zu bewältigen ist. Die Route ist klar markiert und die schwierigen Stellen sind mit den vorhandenen Sicherungen gut entschärft. Bei Regen und Schnee wird dieser Abstieg jedoch sehr heikel und bedingt im Frühsommer die Mitnahme eines Pickels und auch von Steigeisen. 

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Je weiter wir vom Pass Cacciabella Sud absteigen, desto mehr verändert sich das Gelände. Die ersten rund 500 Höhenmeter sind weiterhin steil und verlangen unsere volle Aufmerksamkeit, doch die schwierigsten Passagen liegen bald hinter uns. Der Weg führt durch felsiges Gelände, immer wieder über kleine Stufen und zwischen grossen Blöcken hindurch. Gleichzeitig wird der Blick auf die Scioragruppe immer eindrücklicher. 

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Wir kommen inzwischen deutlich langsamer voran, als wir es uns am Morgen vorgestellt haben. Eigentlich sollte die Etappe von der Albignahütte bis zur Capanna di Sciora rund fünf Stunden dauern, wobei für den Abschnitt vom Pass bis zur Hütte etwa eineinhalb Stunden angegeben werden. Mit unserem Gran Giro del Lago haben wir allerdings bereits einiges an zusätzlicher Strecke und Zeit gesammelt. Dazu kommt, dass wir uns im schwierigen Gelände bewusst nicht hetzen wollen. So wird aus dem vermeintlich überschaubaren Wandertag langsam eine richtig lange Etappe.

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Aus Geröll wird Bergwiese

Nach und nach wird der Weg angenehmer. Die grossen Geröllfelder gehen in felsige Bergwiesen über und die ersten grünen Flächen wirken nach dem vielen Grau des Tages fast schon ungewohnt. Wir können wieder etwas flüssiger gehen und müssen nicht mehr jeden Schritt sorgfältig zwischen den Felsblöcken suchen.

Trotzdem zieht sich der Abstieg. Die Müdigkeit macht sich inzwischen deutlich bemerkbar und wir freuen uns über jeden Abschnitt, auf dem wir einfach einmal laufen können, ohne uns ständig auf die nächste technische Passage konzentrieren zu müssen. Gleichzeitig ist die Landschaft so beeindruckend, dass wir immer wieder stehen bleiben und schauen.

Die Capanna di Sciora liegt auf 2118 Metern und damit noch immer deutlich über dem Talboden. Von oben haben wir die Hütte bereits mehrfach zu erkennen geglaubt, doch erst jetzt wird sie tatsächlich grösser. Sie liegt eindrücklich vor der gewaltigen Kulisse der Scioragruppe und wirkt von unserem Weg aus beinahe wie ein winziger Punkt in dieser riesigen Landschaft. 

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Die letzten Meter zur Sciorahütte

Irgendwann ist die Hütte tatsächlich zum Greifen nah.  Die Capanna di Sciora liegt wunderschön am Fuss der gleichnamigen Berggruppe. Nach einem solchen Tag könnte man sich kaum einen passenderen Platz für die Nacht vorstellen. Als wir schliesslich die Hütte erreichen, ist die Erleichterung gross. Wir stellen die Rucksäcke ab und lassen erst einmal die letzten Stunden auf uns wirken. Aus den fünfeinhalb Stunden, die uns die Hüttenwartin am Morgen als realistische Zeit genannt hatte, ist für uns ein deutlich längerer Wandertag geworden. Aber wir haben es geschafft, und genau das zählt in diesem Moment.

Besonders schön finde ich, dass sich die heutige Etappe wie eine kleine Reise durch ganz unterschiedliche Landschaften angefühlt hat. Wir starten am Morgen hoch über dem Albignasee, laufen am Wasser entlang, steigen hinunter zum Gletscherbach, queren diesen und wandern anschliessend durch das trockene, sandige Gelände am zurückgezogenen Seeufer. Danach geht es wieder hoch in die Felslandschaft, über Geröll und schliesslich zum Pass Cacciabella Sud auf fast 2900 Meter. Und am Ende führt uns der Weg durch immer grüner werdende Hänge hinunter zur Sciorahütte. 

Die Capanna di Sciora ist seit Juli 2025 wieder über den neuen Panoramaweg von Bondo erreichbar und wurde damit wiedereröffnet. Dieser neue Zugang wurde ausserhalb der Gefahrenzone angelegt und führt über vier Hängebrücken durch die steilen Flanken des Val Bondasca. Heute bekommen wir davon noch nichts mit, denn unser Weg führt von oben zur Hütte. Den neuen Hüttenweg mit seinen vier spektakulären Hängebrücken werden wir morgen kennenlernen, wenn wir auf diesem absteigen werden.

Wir werfen die Rucksäcke ab und betreten die Hütte. Der zweite Tag des Sentiero Alpino Bregaglia ist geschafft. Und nach fast einem ganzen Tag in dieser wilden Bergwelt fühlt sich die Capanna di Sciora nicht einfach nur wie eine Unterkunft an, sondern wie ein richtiges Ziel. Auch heute wird es keine Dusche geben, aber mittlerweile haben wir uns daran gewöhnt und begnügen uns mit einer Katzenwäsche. Wir erkennen ein paar Gesichter, die wir bereits am Vortag in der Albignahütte gesehen haben und die auch die gleiche Tour absolvieren. 

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Beim Abendessen kommen wir mit den anderen Gästen am Tisch schnell ins Gespräch. 3 von ihnen wollen morgen über den Pass und eine andere Wanderin hat den Pass heute gemacht. Sie fand diesen Abschnitt nicht allzu anspruchsvoll und hatte eine komplett andere Wahrnehmung als wir. Sie erzählt uns, dass eine andere Gruppe mit einem Bergführer unterwegs und Klettergurt unterwegs war und von ihm abgeseilt wurden. Andere Wanderer waren mit Trailrunning-Schuhen unterwegs. Alle waren viel schneller als wir unterwegs, so dass wir wohl kein richtiger Massstab sind:-) 

Der Cacciabella-Pass bleibt aber das Hauptthema unserer abendlichen Unterhaltung und es wird viel darüber gesprochen. Später stellen wir fest, dass unser Gesprächspartner als Anästhesist im Krankenhaus in Zürich arbeitet und bei einer Operation von unserem Sohn im letzten Jahr als Assistenz dabei war. Da bei dieser Operation Komplikationen auftraten, kann er sich noch sehr gut an seinen Patienten erinnern und wir sind alle überrascht, dass dies genau unser Sohn war. Es ist immer wieder faszinierend, wen man in den Bergen in der Schweiz antrifft, da wir regelmässig auf bekannte Gesichter stossen, die wir teilweise schon jahrelang nicht mehr gesehen haben. 

ECKDATEN

Dauer6-7 Stunden
Länge8.9 km
Höhenunterschied↗810m ↘ 1027m
SchwierigkeitT5
LageKanton Graubünden
Tour durchgeführt imAugust 2026
Geeignet für KinderBesser nicht. Mit sehr bergerfahrenen, ausdauernden und trittsicheren Teenagern ab 16 geeignet.
Geeignet für HundeNein
BuchempfehlungRother Wanderführer Unterengadin

Offenlegung: Dieser Beitrag ist in Zusammenarbeit mit Bregaglia Maloja Turismo und Graubünden Tourismus entstanden. Meine Meinung, Ansichten und Tipps bleiben davon unbeeinflusst, der Tourismusverband hat keinerlei Vorgaben zur Berichterstattung gemacht.

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Text & FotografieSilvie · Off the TrailVollständig in dieser neuen Website eingebunden.