Nach drei langen Tagen im hochalpinen Gelände beginnt unser vierter Tag auf dem Sentiero Alpino Bregaglia deutlich ruhiger. Wir verlassen die Capanna Sasc Furä und steigen über einen gut gesicherten, aber stellenweise ausgesetzten Alpinwanderweg hinunter ins Val Bondasca. Während die meisten anderen Wanderer den direkten Weg nach Bondo nehmen, entscheiden wir uns für die anspruchsvollere Variante über den alten Hüttenweg – und sind dadurch fast alleine unterwegs.
Fast alleine unterwegs
Für den letzten Tag bleiben wir auf der Originalroute vom Sentiero Alpino Bregaglia und wählen die alpine Variante (T4) für den Abstieg. Bei unsicheren Wetterverhältnissen würde ich den direkten Hüttenzustieg empfehlen, da dieser weniger anspruchsvoll und auch schneller ist. Während die meisten Wanderer heute direkt absteigen, wählen wir zusammen mit einer anderen Dreiergruppe den längeren Weg.
Unser Weg führt zunächst nicht direkt hinunter, sondern wir gewinnen sogar noch einige Höhenmeter. Nach den vergangenen Tagen ist das ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Eigentlich erwartet man bei einer letzten Etappe Richtung Tal vor allem eines: bergab. Doch der Sentiero Alpino hält sich auch heute nicht ganz an diese Vorstellung.
Wir folgen dem weiss-blau-weiss markierten Weg und entfernen uns langsam von der Hütte. Schon nach kurzer Zeit liegt die Capanna Sasc Furä etwas unterhalb von uns und wir können noch einmal zurückblicken. Die Hütte wirkt zwischen den gewaltigen Granitbergen beinahe winzig. Drei Tage lang sind wir durch diese Bergwelt unterwegs gewesen und haben dabei immer wieder andere Perspektiven auf die gleichen Gipfel bekommen. Nun beginnt langsam der Abschied.
Noch einmal hochalpines Gelände
Der Weg führt zunächst über Geröll und durch felsiges Gelände. Immer wieder queren wir kleine Bäche, die aus den umliegenden Hängen herabkommen. Nach dem trockenen und heissen Sommer führen sie allerdings deutlich weniger Wasser, als man es in dieser Höhenlage vielleicht erwarten würde.
Die Route ist gut markiert und an den exponierteren Stellen hervorragend gesichert. Immer wieder tauchen Ketten auf, an denen wir uns beim Queren der steilen Hänge festhalten können. Nach den Erfahrungen der vergangenen Tage sind wir mittlerweile an solche Passagen gewöhnt und bewegen uns entsprechend sicherer durch das Gelände.
Wir passieren die Abzweigung zum Trubinäsca-Pass. Wer die Tour verlängern möchte, könnte diesen Pass einplanen und auf der anderen Seite nach Italien absteigen. Dafür müsstest du aber auf jeden Fall schneller als wir unterwegs sein, da die Tour mit 8-11 Stunden ausgeschrieben ist.
Nach dem anfänglichen Anstieg folgt eine grosse Kehre. Der Weg quert dabei weit unterhalb der markanten Bergspitzen den Hang und führt uns allmählich auf die gegenüberliegende Seite des Tales. Es ist eine dieser typischen alpinen Wegführungen, bei denen man zunächst das Gefühl hat, kaum vorwärtszukommen, obwohl man ständig weiterläuft.
Die Sasc Furä immer wieder im Blick
Irgendwann verändert sich die Perspektive und plötzlich können wir die Capanna Sasc Furä wieder sehen. Sie liegt nun auf der gegenüberliegenden Talseite und wirkt von hier oben fast noch beeindruckender als am Vorabend.
Wir bleiben einen Moment stehen und schauen zurück. Dort oben waren wir noch vor wenigen Minuten, und jetzt haben wir uns bereits weit von der Hütte entfernt. Der Weg macht einen grossen Bogen durch die Bergflanke und erklärt damit auch, warum die Route trotz des vermeintlich direkten Abstiegs einige Zeit benötigt.
Der Blick zurück lohnt sich aber nicht nur wegen der Hütte. Hinter ihr ragen die gewaltigen Granitberge auf und geben noch einmal einen Eindruck davon, wie abgeschieden dieser Teil des Bergells eigentlich ist. Es ist schwer vorstellbar, dass wir in wenigen Stunden bereits wieder unten in Bondo sein werden.
Durch das grosse Geröllfeld
Nach der grossen Querung führt der Weg wieder stärker bergab. Vor uns liegt ein grosses Geröllfeld, das bereits von der Hütte aus gut zu erkennen war. Besonders auffällig ist ein einzelner markanter Baum, der mitten in diesem kargen Gelände steht. Schon von oben haben wir ihn gesehen und uns gefragt, wie der Weg wohl dort hinunterführt. Nun stehen wir tatsächlich davor.
Wir steigen über das Geröllfeld ab und orientieren uns dabei an den gut sichtbaren Markierungen. Der Untergrund ist nicht besonders schwierig, aber auch hier ist konzentriertes Gehen angesagt. Die Steine liegen teilweise lose und unregelmässig, sodass man immer wieder nach einem stabilen Tritt suchen muss.
Der einzelne Baum wirkt dabei fast wie ein Orientierungspunkt. Inmitten der grauen Steine und Felsblöcke fällt er sofort auf und gibt dem ansonsten eher gleichförmigen Gelände einen festen Bezugspunkt. Je weiter wir nach unten kommen, desto mehr verändert sich die Landschaft. Aus dem offenen Geröll wird langsam wieder eine bewachsene Bergflanke und schliesslich erreichen wir den Wald.
Ein schmaler Weg durch den Wald
Der Kontrast ist bemerkenswert. Eben noch stehen wir mitten in einem offenen Geröllfeld, jetzt führt uns ein schmaler Pfad zwischen Bäumen hindurch. Der Wald spendet Schatten und die Temperaturen sind sofort angenehmer.
Der Weg bleibt zunächst relativ schmal und quert den Hang. Nach den offenen, steinigen Landschaften der vergangenen Tage fühlt sich dieser Abschnitt beinahe schon vertraut an. Trotzdem ist auch hier Konzentration gefragt, denn der Pfad ist teilweise steil und an einigen Stellen fällt das Gelände direkt neben dem Weg ab.
Wir sind inzwischen fast alleine unterwegs. Hin und wieder hören wir etwas weiter entfernt Stimmen, ansonsten herrscht Ruhe. Die meisten Wanderer, die wir morgens noch rund um die Sasc Furä gesehen haben, sind offenbar bereits auf dem direkten Weg nach Bondo unterwegs. Für uns ist das angenehm. Wir müssen niemanden überholen, niemand kommt uns entgegen und wir können unser Tempo selbst bestimmen. Gleichzeitig haben wir das Gefühl, dass wir uns mit dieser Variante noch einmal bewusst von der hochalpinen Welt verabschieden, anstatt einfach möglichst schnell ins Tal abzusteigen.
Jetzt wird es noch einmal technisch
Nach dem Wald folgt ein Abschnitt, der uns noch einmal deutlich an die vergangenen Tage erinnert. Der Weg wird steiler und ist mit zahlreichen Metallseilen und Steighilfen gesichert. An den Felsabschnitten sind Tritte und Haltemöglichkeiten angebracht, sodass wir uns Schritt für Schritt nach unten arbeiten können.
Technisch ist die Passage für uns gut machbar. Die Sicherungen sind zahlreich vorhanden und geben uns genau dort Unterstützung, wo das Gelände steil oder etwas exponiert wird. Trotzdem ist dies kein Abschnitt, den man einfach nebenbei laufen sollte.
Vor allem bei nassem Wetter dürfte dieser Teil deutlich unangenehmer sein. Der Fels kann rutschig werden und auch die Steine und Wurzeln auf dem schmalen Weg bieten bei Nässe weniger Halt. Bei unserem trockenen Wetter haben wir dagegen ideale Bedingungen. Wir steigen vorsichtig ab und sind froh, dass die Sonne den Untergrund trocken hält. Während wir uns an den Metallseilen entlang nach unten bewegen, wird uns noch einmal bewusst, wie unterschiedlich die einzelnen Etappen des Sentiero Alpino Bregaglia eigentlich sind. Vor wenigen Tagen standen wir am Pass da Casnil in fast 2900 Metern Höhe mitten in einer Geröllwüste. Gestern haben wir die spektakulären Hängebrücken im Val Bondasca überquert. Heute wechseln sich Geröllfelder, Wald und gesicherte Felsabschnitte ab. Und trotzdem fühlt sich alles wie eine zusammenhängende Route an.
Die Alp Cugian
Schliesslich erreichen wir die Alp Cugian. Hier endet für uns der weiss-blau-weiss markierte Alpinwanderweg. Der Unterschied ist sofort spürbar. Von nun an wird die Route deutlich entspannter. Der Weg bleibt zwar steil und wir verlieren weiterhin ordentlich an Höhe, aber die technischen Schwierigkeiten sind vorbei. Keine Ketten mehr, keine ausgesetzten Felsquerungen und keine Stellen, an denen wir uns Gedanken über den nächsten Tritt machen müssen.
Wir können endlich einfach laufen. Nach den vergangenen Tagen fühlt sich das beinahe ungewohnt an. Wir gehen nun auf einem deutlich breiteren und gemütlicheren Weg talwärts und lassen die Landschaft noch einmal auf uns wirken. Vor uns liegt Bondo, unser heutiges Ziel und gleichzeitig das Ende unseres Sentiero Alpino Bregaglia.
Immer weiter hinunter nach Bondo
Der Abstieg zieht sich trotzdem noch ein gutes Stück. Von der Alp Cugian geht es weiterhin steil nach unten und die vielen verlorenen Höhenmeter machen sich langsam in den Beinen bemerkbar. Technisch ist der Weg jetzt zwar einfach, aber gerade solche langen Abstiege können nach mehreren Wandertagen ordentlich anstrengend werden.
Wir laufen durch den Wald und kommen Schritt für Schritt tiefer. Die Luft wird wärmer, die Vegetation dichter und die hochalpinen Felsen verschwinden langsam aus unserem Blickfeld.
Es ist ein eigenartiges Gefühl. Vier Tage lang haben wir uns durch eine Landschaft bewegt, die oft weit oberhalb der Baumgrenze lag. Wir haben Gletscher gesehen, Geröllfelder durchquert, Pässe überschritten und uns an Ketten und Eisenbügeln über steile Felsabschnitte gearbeitet. Jetzt stehen wieder Bäume neben dem Weg und irgendwo weiter unten wartet die Zivilisation. Mit jedem Höhenmeter wird Bondo näher.
Ankunft in Bondo
Schliesslich erreichen wir den Talboden und damit Bondo. Die letzten Meter führen uns durch die ersten Häuser und zurück in eine Welt, die sich nach vier Tagen in den Bergen beinahe ungewohnt anfühlt. Wir haben den Sentiero Alpino Bregaglia geschafft.
Vier Tage lang waren wir unterwegs, haben in drei verschiedenen SAC-Hütten übernachtet und dabei eine der eindrücklichsten Landschaften der Alpen kennengelernt. Von Maloja über den Pass da Casnil und den Pass Cacciabella Sud bis ins Val Bondasca haben wir erlebt, wie unterschiedlich ein einzelnes Tal sein kann.
Gerade der heutige Tag bleibt uns dabei besonders in Erinnerung. Wir waren fast alleine unterwegs und konnten noch einmal eine ganz andere Seite der Route kennenlernen. Der Weg von der Sasc Furä führt durch eine wilde Landschaft, ist aber gleichzeitig so gut gesichert, dass die anspruchsvolleren Stellen mit der notwendigen Vorsicht gut machbar sind. Und irgendwann geht auch dieser Abschnitt in einen ganz normalen Bergweg über.
Der Sentiero Alpino endet damit für uns nicht spektakulär auf einem Gipfel oder an einem Pass, sondern ganz unspektakulär unten in Bondo. Vielleicht passt genau das ganz gut. Denn die vergangenen vier Tage haben uns immer wieder gezeigt, dass das Bergell nicht nur aus grossen Gipfeln, Gletschern und spektakulären Pässen besteht. Es geht genauso um die Wege dazwischen, um alte Hüttenwege, neue Brücken, steile Waldpfade, Geröllfelder und die Spuren, welche die Natur in dieser Landschaft hinterlassen hat. Und gerade diese Mischung macht den Sentiero Alpino Bregaglia für uns zu einer ganz besonderen Mehrtagestour.
ECKDATEN
| Dauer | 4:05 Stunden |
| Länge | 8.2 km |
| Höhenunterschied | ↗352m ↘ 1429m |
| Schwierigkeit | T4 |
| Lage | Kanton Graubünden |
| Tour durchgeführt im | August 2026 |
| Geeignet für Kinder | Mit sehr bergerfahrenen, ausdauernden und trittsicheren Teenagern ab 12 geeignet. |
| Geeignet für Hunde | Nein |
| Buchempfehlung | Rother Wanderführer Unterengadin |
Offenlegung: Dieser Beitrag ist in Zusammenarbeit mit Bregaglia Maloja Turismo und Graubünden Tourismus entstanden. Meine Meinung, Ansichten und Tipps bleiben davon unbeeinflusst, der Tourismusverband hat keinerlei Vorgaben zur Berichterstattung gemacht.
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