Der Sentiero Alpino Bregaglia führt auf fünf Wandertagen durch eine der wildesten Landschaften der Schweiz. Zwischen Maloja und Bondo liegen Gletscher, hohe Pässe, gewaltige Granitwände, einsame Berghütten und mit den neuen Hängebrücken im Val Bondasca auch einige spektakuläre technische Bauwerke. Für uns ist die Tour aber nicht nur landschaftlich etwas Besonderes: Die beiden T5-Etappen über den Pass da Casnil und den Passo Cacciabella sind unsere ersten Touren in diesem Schwierigkeitsgrad und bringen uns sowohl körperlich als auch mental an unsere Grenzen.
Mehrtagestouren haben für mich ihren ganz eigenen Reiz. Man lässt den Alltag für einige Tage hinter sich, trägt alles Notwendige im Rucksack und bewegt sich von Hütte zu Hütte durch eine Landschaft, die sich jeden Tag ein wenig verändert. Beim Sentiero Alpino Bregaglia kommt noch etwas dazu. Die Route führt nicht einfach durch eine schöne Berglandschaft, sondern mitten durch das wilde Bergell. Die Granitwände sind riesig, die Täler tief eingeschnitten und die Übergänge teilweise ausgesprochen anspruchsvoll. Es ist vor allem aber eine Tour, die noch lange in deinen Gedanken kreisen wird, nachdem du zurückgekehrt bist. Immer wieder schweife ich ab und denke an einzelne Etappen zurück. Obwohl ich schon unzählige Mehrtagestouren in der Schweiz unternommen habe, ist diese doch eine der eindrücklichsten und wildesten, an die ich mich erinnern kann.
Die klassische Route verbindet die vier Bergeller SAC-Hütten Capanna del Forno, Capanna da l’Albigna, Capanna di Sciora und Capanna Sasc Furä. Die Tour gestaltet sich als hochalpine Mehrtagestour und führt über fünf Tagesetappen. Der Weg ist trittsicheren und geübten Berggängern vorbehalten.
Genau diese Kombination macht die Tour für uns interessant. Wir suchen keine reine Genusswanderung, möchten aber auch keine Hochtour mit Gletscherbegehung daraus machen. Der Sentiero Alpino liegt irgendwo dazwischen: technisch anspruchsvolles Bergwandern, bei dem wir uns immer wieder konzentrieren müssen, ohne gleich eine komplette Hochtourenausrüstung mitnehmen zu müssen. Dass wir dabei an unsere Grenzen kommen werden, wissen wir vor der Tour allerdings noch nicht.
Vier Tage unterwegs
Für die klassische Variante sollte man fünf Tage einplanen. Dadurch lässt sich die Tour mit Übernachtungen in den vier Bergeller Hütten gut aufteilen. Die einzelnen Etappen sind dabei sehr unterschiedlich. Manche Abschnitte sind technisch einfacher und lassen etwas Raum zum Geniessen, andere verlangen über viele Stunden unsere volle Aufmerksamkeit. Da wir die Fornohütte bereits vom Bernina Sud Trek kennen, entscheiden wir uns, diese auszulassen und daher am ersten Tag direkt zur Albignahütte abzubiegen. Wer möchte, kann die Tour noch weiter kürzen, da man von jeder Hütte ins Tal absteigen kann. Dies gilt auch bei der Planung der Tour: Falls das Wetter für den Pas Casnil oder den Passo Cacciabella zu schlecht sein sollte, kann man bei allen Hütten ins Tal absteigen und mit dem Postauto zum Startort für die nächste Etappe fahren, um von dort zur Hütte aufzusteigen.
Die beiden T5-Etappen haben es in sich
Die grösste Herausforderung des Sentiero Alpino sind für uns die beiden Etappen über den Pass da Casnil und den Passo Cacciabella. Beide sind mit T5 bzw. T5- bewertet. Für uns sind es die ersten beiden Etappen überhaupt in diesem Schwierigkeitsgrad. Und das merken wir.
Der Pass da Casnil Sud liegt auf 2940 Metern und führt vom Val Forno ins Val d’Albigna. Schon der Aufstieg ist anspruchsvoll: Nach dem Gletscherbach folgt eine steile Moränenpassage, bevor Fixseile und Haltebügel beim Aufstieg zum Pass helfen. Der Abstieg zur Albignahütte ist zwar etwas einfacher, zieht sich aber ebenfalls über anspruchsvolles Gelände.
Noch stärker fordert uns der Passo Cacciabella. Die erst im Juli 2025 sanierte Etappe ist als T5 eingestuft und führt auf 2896 Meter. Die neue Routenführung vermeidet das steinschlaggefährdete Gelände, in welchem früher mit Hilfe von Abseilvorrichtungen abgeseilt wurde. Besonders der Abstieg zur Sciorahütte ist die Schlüsselstelle. Dort wechseln sich Leitern, Tritte und Ketten mit steilen und ausgesetzten Passagen ab. Wir erleben hier eine klettersteigähnliche Passage mit Schwierigkeiten im Bereich K2–K3, die einen Zeitbedarf von ungefähr 30 Minuten hat. Diese Passage darf man aus unserer Sicht wirklich nicht unterschätzen. Hier hätten wir gut ein Klettersteigset und einen Helm gebrauchen können, auch wenn die vorhandenen grobgliedrigen Ketten dafür nicht vorgesehen/geeignet sind.
Auch wenn die Route gesichert ist, bleibt sie anspruchsvoll. Die Sicherungen machen den Weg möglich, aber sie nehmen ihm nicht seine Ausgesetztheit. Wir müssen konzentriert bleiben, sicher auftreten und uns auf das Gelände einlassen. Für uns ist das nicht nur körperlich anstrengend. Es ist auch mental eine Herausforderung vor allem, wenn man dieses anspruchsvolle Stück im Abstieg in Angriff nimmt.
Nur bei stabilem Wetter
Bei der Planung des Sentiero Alpino spielt das Wetter deshalb eine entscheidende Rolle. Die beiden T5-Etappen würden wir keinesfalls als normale Wandertage behandeln, die man unabhängig von den Bedingungen einfach in den Kalender einträgt. Pass da Casnil und Passo Cacciabella sollten nur bei trockenem und stabilem Wetter eingeplant werden. Nasser Fels, schlechte Sicht oder unsichere Verhältnisse verändern die Tour erheblich. Gerade auf den mit Ketten und Leitern gesicherten Abschnitten möchten wir nicht unterwegs sein, wenn der Untergrund rutschig ist. Auch Nebel ist unangenehm, weil die Orientierung und das Einschätzen der Geländeformen schwieriger werden.
Beim Cacciabella kommt zusätzlich die Situation im Frühsommer dazu. Unterhalb des Pizzo Frachiccio kann sich Altschnee lange halten. Die Ketten werden jeweils zu Beginn des Sommers montiert, und vor der Begehung sollte der aktuelle Zustand der Sicherungen geprüft werden. Ohne diese Sicherungen wird von der Begehung dringend abgeraten.
Beste Jahreszeit
Die beste Wanderzeit für den Sentiero Alpino Bregaglia im Bergell ist Anfang Juli bis Ende September. Ausserhalb dieser Monate liegt zu viel Schnee und die Hütten sind geschlossen. Die Hütten haben bis Ende September geöffnet, die Albignahütte meist bis Anfang Oktober.
Anreise und Rückreise
Die Tour startet an der Postautohaltestelle Maloja, Cad’Maté und endet in Bondo/Promotogno, Posta. Da die Tour keine Rundtour ist, empfiehlt sich die Anreise mit den Öffentlichen. Um rechtzeitig starten zu können, empfiehlt sich eine Übernachtung am Vortag in der Maloja oder einem Dorf in der Umgebung. Da die erste Etappe bereits zeitaufwändig ist, wird es schwierig werden, wenn man am ersten Etappentag noch eine weitere Anreise hat. Zudem kann mich sich so bereits ein wenig an die Höhe gewöhnen, da man am ersten Wandertag auf 2300 Metern (Albignahütte) oder knapp 2600 Metern (Fornohütte) schlafen wird. Wir haben im Hotel Maloja Kulm direkt am Start der Wanderung in Maloja und können dies uneingeschränkt empfehlen.
Für die klassische Variante ist Bondo der sinnvolle Endpunkt. Wer mehr möchte, kann die Tour weiter ins Val Codera in Italien verlängern. Diese Variante ist allerdings mit T5+ nochmals deutlich anspruchsvoller und beinhaltet einen langen Abstieg (8-11 Stunden Gehzeit, 2500 Höhenmeter im Abstieg).
Bei der Anreise mit dem Auto kannst du dein Auto auf dem Gratisparkplatz Orden für die gesamte Wanderung abstellen. Ganz in der Nähe befindet sich eine Postauto-Haltestelle, so dass du am Abreisetag nicht allzu weit zum Auto laufen musst.
Tagesetappen
Ausserdem habe ich Dir Tipps für die Organisation zusammengefasst und auch eine Übersicht über Kosten und Gepäck.
Ein paar Zahlen (4-Tages-Variante ohne Übernachtung in der Fornohütte)
- Aufstieg: 3300 Meter Höhenunterschied
- Abstieg: 3900 Meter Höhenunterschied
- Gesamtstrecke: 38 km
- Gesamtdauer: 21 Stunden Gehzeit (geplant), 25:30 Stunden (tatsächlich)
- Anzahl Wandertage: 4
- Maximale Schwierigkeit: T5
Die genaue Route
| Tag | Ausgangspunkt | Endpunkt | Strecke | Aufstieg | Abstieg | Dauer |
| 1 | Maloja | Capanna da L‘ Albigna | 13.5 km | 1315 HM | 791 HM | 6:00 Stunden |
| 2 | Capanna da L‘ Albigna | Capanna Sciora | 8 km | 872 HM | 1099 HM | 5:30 Stunden |
| 3 | Capanna Sciora | Capanna Sasc Furä | 9 km | 820 HM | 600 HM | 5:00 Stunden |
| 4 | Capanna Sasc Furä | Bondo | 7.5 km | 332 HM | 1403 HM | 4:30 Stunden |
| Summe | 38 km | 3339 HM | 3893 HM | 21:00 Stunden |
Mögliche Einstiegs- und Ausstiegspunkte der Tour
Durch die Talnähe kann die Tour an jedem beliebigen Punkt gestartet und beendet werden. Somit kannst du auch nur einen Teil der Gesamtstrecke einplanen. Jede Hütte ist vom Tal aus erreichbar.
Kosten
Für die Tour musst du mit Übernachtungskosten, der An- und Abreise und der Mittagsverpflegung kalkulieren. Alle Hütten bieten ein Lunchpaket an. Die meisten Hütten bieten Duschen gegen Bezahlung an (bei unserem Besuch jedoch wegen Wassermangel nicht möglich).
- Fornohütte: Übernachtung & HP CHF79 (Preis für Alpenvereinsmitglieder)
- Albignahütte: Übernachtung & HP CHF72 (Preis für Alpenvereinsmitglieder)
- Sciorahütte: Übernachtung & HP CHF72 (Preis für Alpenvereinsmitglieder)
- Sasc Furähütte: Übernachtung & HP CHF72 (Preis für Alpenvereinsmitglieder)
- Lunchpaket: CHF7-CHF11/Person/Tag
- Getränke/Kuchen auf den Hütten: CHF20/Tag
Somit kannst du mit knapp CHF415/Person für 5 Tage rechnen bzw. CHF315/Person für 4 Tage (exklusive An- und Abreise). Hinzu kommen die Übernachtungskosten am Anreisetag (ca. CHF100/Person je nach Hotel).
Verpflegung
Wasser
Wasser kann in den Unterkünften aufgefüllt/gekauft werden. Bei heissen Temperaturen empfehlen wir 2 Liter Wasser dabei zu haben. Unterwegs kann nur gelegentlich Wasser aufgefüllt werden.
Beste Jahreszeit
Die beste Wanderzeit für diese Etappen des Sentiero Alpino Bregaglia im Bergell ist Anfang Juli bis Ende September. Ausserhalb dieser Monate liegt zu viel Schnee und die Hütten sind geschlossen. Die Hütten haben bis Ende September geöffnet (Albigna bis Anfang Oktober).
Die besuchten Hütten
| Unterkunft | Capanna da L‘ Algibna | Capanna Sciora | Capanna Sasc Furä |
| Anzahl Betten | 84 (in Schlafsälen) | 30 (in kleinen Schlafsälen) | 36 (in Schlafsälen) |
| Höhe | 2332m | 2118m | 1904m |
| Dusche vorhanden | ja | ja | ja |
| Steckdose vorhanden | ja | ja | ja |
| Empfang vorhanden | ja | ja | ja |
| Hüttenschlafsack | notwendig | notwendig | notwendig |
| Kommentar | Tolle Hütte, sehr gemütlich eingerichtet, sehr freundliches Team. Selbstgemachter Sirup, vegetarisches Essen. Viele Klettergruppen. | Neu eröffnet in 2025 nach dem Felssturz. Kurze Betten. Innen saniert. Sehr freundliches Team! | Sehr freundliches Hüttenteam, kleine, intime Hütte. Gekocht wird mit Holz. Selbstgemachter Zopf zum Frühstück. |
Packliste
Für mehrtägige Wanderungen empfiehlt es sich, den Rucksack so leicht wie möglich zu packen.
Anbei unsere Packliste pro Person:
- 28 l Rucksack inklusive Regenschutz (ich bin mit dem Damenmodell von Deuter lite super zufrieden)
- Knöchelhohe Wanderschuhe
- Wanderstöcke (z.B. Black Diamond Distance Carbon Z)
- Regenjacke und -hose
- 1 lange Wanderhose
- 1 kurze Hose
- 2 Kurz-Arm-T-Shirts (1 zum Wandern, 1 zum Wechseln/Schlafen am Abend)
- 1 Lang-Arm-T-Shirt
- 1 Fleece
- 1x Buff/Tuch/Basecap, 1 Sonnenbrille
- Klettersteighandschuhe
- 1x Wandersocken, 1x normale Socken für abends zum Wechseln
- 2 Unterhosen
- 1 Daunenjacke/Daunenweste
- 1x dünne Handschuhe und Mütze
- Erste-Hilfe-Set und Pflaster
- Sonnencreme, Zahnpasta, Zahnbürste, Pflegecreme
- 2 l Wasserflasche/Person
- Snacks
- 1x Seidenschlafsack/Inlay
- 1x Handy, Kopfhörer, 1 Ladegerät (Steckdosen in allen Hütten vorhanden)
- Bargeld & Ausweise, Kreditkarte, DAV-/SAC-Mitgliedskart
Signalisation
Die Tour ist grösstenteils gut ausgeschildert. Du wirst keine Signalisation für den Sentiero Alpino finden und auch nicht immer ist die Hütte angeschrieben. Von daher solltest du Zwischenziele kennen und zwingend den gpx-Track jeder Etappe dabei haben. Vor allem bei blau-weissen Wanderwegen kann die Orientierung im Nebel oder Wetterumschwüngen sehr anspruchsvoll sein.
Anspruch/Schwierigkeit
Die von uns gewanderten Etappen sind technisch und konditionell sehr anspruchsvoll. Es gab mehrere ausgesetzte, abschüssige Stellen, teilweise mit Klettereinlagen. Die Schlüsselstellen sind am Tag 1 der Pas Casnil (T5-) und am Tag 2 der Passo Cacciabello (T5). Am Tag 4 gibt es im Abstieg nochmal lange Abschnitte mit der Schwierigkeit T4, die auch deine volle Konzentration benötigen.
Bargeld/Kreditkarte
Alle Unterkünfte haben Kreditkarten akzeptiert. Nimm aber trotzdem genügend Bargeld mit, falls die Kreditkartenzahlung mal nicht funktionieren sollte.
Wanderleitung
Wenn du von einem Wanderleiter begleitet werden möchtest, schau dir doch am besten mal die Seite von Thomas an. Er bietet in der Region Bergell Touren an und kennt die Gegend in- und auswendig!
Tag 1:
Maloja - Capanna da L'Albigna
Vorbei am Lägh da Cavloc und über den anspruchsvollen Pas Casnil mit Blick auf den Fornogletscher
Tag 2:
Capanna da L' Albigna - Capanna Sciora
Die anspruchsvollste Etappe führt uns um den Albigna-Stausee und über den Passo Cacciabella zur Sciorahütte
Tag 3:
Capanna Sciora - Capanna Sasc Furä
Abstieg von der Sciorahütte über den neu angelegten Wanderweg mit 4 wackligen Hängebrücken
Tag 4:
Capanna Sasc Furä - Bondo
Ein letzter anspruchsvoller Wanderweg führt im grossen Bogen durchs Val Bondasca über die Alp Cugian. Sehr einsam!
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